Mein Leben mit Borderline

Ich war ein stilles Kind. Phantasievoll. Introvertiert. Es fiel mir schwer Freundschaften zu schließen. Schon damals fühlte ich mich „komisch“ und anders. So als würde ich die Realität durch eine Glaswand beobachten.

Meine Kindheit war lehrreich. Ich lernte früh selbstständig zu sein, lernte auf mich selbst aufzupassen, lernte dass das Leben kein Wunschkonzert ist.

Die Liebe zu Extremen

Nach einem Umzug wurde ich im Kindergarten gehänselt weil ich anders war, weniger wegen meiner träumerischen Eigenheiten, sondern weil ich anders sprach und aus der Stadt kam. Ich lernte eine Neue Lektion: Passe dich an und vertraue niemandem. In der Volksschule kam ich ganz gut zurecht indem ich mich an die Vorstellungen anderer anpasste und mich so verhielt und so dachte wie es sich eben gehört. Ich entwickelte einen Helferkomplex und versuchte immer für andere da zu sein. Irgendwann, mitten in der Pubertät, stolperte ich durch Zufall in eine Clique. Es waren solche Leute, die jeder aus der eigenen Schulzeit kennt. Die „Coolen“, die Rauchen, Trinken, sich nicht darum kümmern was andere über sie sagen oder denken. Endlich konnte ich auf die andere Seite der Scheibe. Ich lernte die Liebe zu Extremen kennen.

Aus Neugierde und aus dem Wunsch heraus dazuzugehören, probierte ich vieles aus. Meine Eindrücke waren nicht mehr abgestumpft und farblos, sondern intensiv. Ich wollte immer mehr. Mehr ausprobieren, mehr betäuben, mehr gegen die Regeln verstoßen. Eines Tages probierten wir etwas Neues aus – wir ritzten uns Zeichen in die Haut. Die anderen fanden es cool. Und ich. Ich mochte den Schmerz. Er holte mich zurück in die Gegenwart, holte mich zurück aus meiner gefühllosen tauben Welt hinter der Scheibe.

Nach und nach wurden meine Verletzungen tiefer und der Wunsch nach dem nächsten Mal immer stärker. Ich war süchtig danach, mich selbst zu verletzen.

Hinter der Maske

Mit dem Wechsel in eine neue Schule begann ich wieder mich zurückzuziehen. Ich wollte wieder hinter meine Glaswand zurück und begann eine Mauer zu bauen. Hin und wieder schaffte es jemand rüberzuklettern. Doch immer wieder wurde ich verlassen. Und meine Mauer wurde höher, die Wände dicker und die Steine schwerer.

Meine schulischen Leistungen litten stark in dieser Zeit und ich wechselte wieder in eine andere Klasse. Diesmal wollte ich einen Neustart. Ich wollte mich selbst formen – ein Ich zeichnen, dass von anderen akzeptiert wird und dabei nicht gegen den Strom schwimmt. War ich allein, war ich so, wie ich wirklich bin. War in unter Menschen, war ich so, wie ich mich gezeichnet habe: Fröhlich, humorvoll, hilfsbereit, normal.

Meine Maske war perfekt, selbst ich hatte mich vergessen. Doch es war eben nur eine Maske, ein Bild, ein Kostüm. Hinter der ganzen Verkleidung war ich noch immer ich selbst. Ich saß alleine hinter meiner Mauer. Kein Lichtstrahl kam mehr zu mir durch.

Ich war siebzehn als meine Mauer bröckelte. Meine damalige Freundin schaffte es, zu mir durchzudringen. Ihr gegenüber legte ich meine Maske ab und schaffte es, mich fallen zu lassen. Vielleicht weil sie mich verstand, meine Gefühle nachempfinden und verstehen konnte. Ich öffnete eine Tür, um sie hereinzulassen. Doch immer wieder verschloss ich die Tür. Mal leise. Mal knallte ich sie zu. Der Raum dahinter war zu klein. Ich fühlte mich eingeschlossen in meinen eigenen Mauern. Wollte ich raus, hatte ich Angst dass die Tür hinter mir zu fällt.

Ständig hatte ich Angst. Angst verlassen zu werden, Angst meine Mauern zu verlassen, Angst jemanden rein zu lassen. Meine Stimmung schwankte abrupt. Das Meer um mich herum konnte spiegelglatt sein oder aber es türmten sich riesige Wellen. Meine Gefühle waren intensiv.  Ich konnte eiskalt sein, mit Worten um mich schlagen, meine Wut glich einem tosenden Unwetter auf hoher See. War etwas gut, hatte ich Zweifel. Ist es wirklich gut, oder wünsche ich mir nur dass es gut ist? Darf es mir überhaupt gut gehen? Und woher weiß ich überhaupt dass es gut ist? Meine Zweifel ertränkte ich in Selbsthass und Selbstzerstörung. War etwas gut – und ich zweifelte daran, musste ich es auf die Probe stellen. Hält es meiner Zerstörungswut stand, ist es echt. Ich manipulierte mich selbst, meine Freundin, die Beziehung, unseren Alltag. Schlussendlich zerstörte ich alles.

Rettungsring

Eines Tages wurde ich in ein Krankenhaus eingeliefert. Es war meine Art nach Hilfe zu fragen und dem Rest der Welt mitzuteilen dass es mir nicht gut geht. Zugleich war dieser Tag der erste Tag, an dem ich schwimmen wollte. Ich wollte nicht mehr hilflos dahintreiben, nicht einsam sein, nicht ertrinken. Zum ersten Mal bekam ich eine Diagnose gestellt: Borderline.

Endlich hatte ich eine Erklärung. Ich war nicht anders oder komisch. Ich war nicht mehr einfach „nur“ traurig oder fühlte mich „irgendwie“ leer. Ich war krank. Und ich konnte dem Gefühlschaos einen Namen geben.

Das erste Mal seit Jahren hatte ich das Gefühl nicht hilflos umherzutreiben. Die Ärzte haben mir einen Rettungsring zugeworfen, den ich dankend angenommen habe. Natürlich war ich auf meinem Ozean noch immer alleine, aber ich kannte seinen Namen und das machte ihn weniger furchterregend.

Land in Sicht

Nach ein paar Jahren Therapie konnte ich erstmals Land entdecken. Ich hatte gelernt, Ebbe und Flut zu unterscheiden, konnte einen Sturm bald genug erkennen und hatte die Möglichkeit in Sicherheit zu ankern. Ich hatte keine Angst mehr vor Stürmen, Seemonstern und Tsunamis. Doch ich hatte Angst vor dem Land.

Der Ozean war mein Zuhause, dort kannte ich mich aus. Und nun war es soweit: Ich sollte an Land gehen und mein Schiff verlassen. Zu dieser Zeit war das Wetter sehr stürmisch, die Wellen hoch. Schlussendlich habe ich den Schritt doch gewagt.

Festland

Seit ungefähr drei Jahren zähle ich mich nun zu den Landbewohnern. Dank meiner Familie, die mich immer bestmöglich unterstützt. Dank meiner Freunde, die mich so nehmen wie ich bin. Dank meinen Wegweisern – die mir neue Wege offenbaren.

Ich bin noch in therapeutischer und ärztlicher Behandlung. Immer wieder habe ich mit negativen Verhaltensmustern zu kämpfen und viele Erinnerungskisten sind noch gelagert,  sie warten darauf ausgepackt zu werden. Mit manchen Dingen konnte ich abschließen, die Kartons sind ausgepackt und entsorgt. Für andere bin ich noch nicht bereit aber auch für diese Erinnerungen wird der richtige Zeitpunkt kommen um mit ihnen abzuschließen.

Meine Mauer ist noch immer da, ein letzter Zufluchtsort. Aber manchmal dürfen mich Freunde oder meine Familie dort besuchen – die Tür ist offen.

Vor vier Jahren wurde die letzte Diagnose gestellt – mittlerweile würde ich vermutlich nicht mehr genügend Kriterien für eine Borderline Persönlichkeitsstörung erfüllen.

Bin ich gesund? Ich weiß nicht. Was für mich zählt: ich kann und will schwimmen.

4 Kommentare zu „Mein Leben mit Borderline

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  1. danke das du hier all die Dinge schreibst die ich nie wusste – leider – ich bin mega stolz auf dich das du dich mit all dem auseinandersetzt und deinen Weg unbeirrt weiter gehst

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  2. Ein sehr mutiger Schritt! Ich bewundere deine Ehrlichkeit, deine Offenheit und deinen Mut! Du hilfst damit nicht nur Menschen die an dieser oder einer ähnlichen Krankheit leben sondern auch anderen vor allem Dabei zu verstehen!

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    1. Mut steckt in jedem von uns, manchmal brauchen wir nur eine kleine Erinnerung 😉

      Ich hab gerade durch deine letzten Beiträge geschmökert.. kommt mit bekannt vor. Alles Gute auf deinem Weg! Auch wenn er mal steinig ist, es lohnt sich. Nicht wegen des Ziels dem wir scheinbar ständig hinterherlaufen, sondern vielmehr wegen der Erfahrungen, die uns schlussendlich stärker machen.

      Gefällt 1 Person

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